IOI 2015, Kasachstan wir kommen!

Reiseblog über die Internationale Informatik-Olympiade 2015 in Almaty.

Daniel Graf
News

In den vergangenen Tagen war das Schweizer Team in Kasachstan an der Internationalen Informatik-Olympiade (IOI) 2015. Wir haben viel erlebt und berichteten hier für alle, die unsere Reise von zu Hause aus verfolgten.

Der Wettbewerb ging erfolgreich über die Bühne. Hier findet ihr die Rangliste des Wettbewerbes und die Homepage der IOI 2015. Ausserdem zeigt die IOI-Statistik-Website viele interessante Infos zu dieser und früheren IOIs.

Weiteres zu unserer Reise gibt es in unserer Pressemitteilung und unserer Fotogalerie. Für Presseauskünfte wenden Sie sich bitte an den Verband der Schweizer Wissenschafts-Olympiaden.

Reisebericht

Anreise

Am Donnerstag Mittag trafen sich die vier Olympioniken, welche für die Schweiz 2015 an die Internationalen Informatik-Olympiade reisen, am Flughafen Kloten. Dieses Jahr sind lediglich zwei Kantone vertreten: Fabian Lyck und Pascal Sommer kommen beide aus Ittigen BE. Daniel Rutschmann aus Andelfingen und Timon Stampfli aus Wangen gehen für den Kanton Zürich an den Start. Als Leiter mit von der Partie war Daniel Graf (aus dem Kanton St. Gallen).

Die Internationale Informatik-Olympiade wird 2015 in Kasachstan ausgetragen, dem neuntgrössten Land der Welt - und sogar allergrössten Binnenland der Welt. Der Flug via Istanbul nach Almaty war sehr angenehm. Der Boardcomputer konnte gar die mitgebrachten SOI-Trainingsaufgaben anzeigen, sodass wir uns auch in der Luft noch für die bevorstehenden Prüfungen vorbereiten konnten.

Nach einem kurzen Nickerchen im Hotel trafen wir am Freitag Bexultan, unseren Guide. Er ist im selben Alter wie unsere Teilnehmer, also kurz vor der Matura, und weiss viel über Kasachstan und die kasachische Kultur zu erzählen. Er nahm uns mit auf einen kurzen Stadtspaziergang auf welchem wir uns mit Bargeld und Proviant für den nächsten Tag eindeckten.

Wanderung

Denn für Samstag hatten wir eine Wanderung geplant. Mit dem Taxi fuhren wir in Richtung Medeo, um vom Tal der kleinen Almatinka ins Tal der grossen Almatinka zu wandern. Diese Wanderung beginnt mit einem Aufstieg von tausend Höhenmetern, der uns ganz schön ins Schwitzen brachte. Oben auf der Alp Kok-Zhajlau picknickten wir bei wunderschönem Alpenpanorama. Auf dem Weg hinunter ins Tal wurden wir zuerst von einem kurzen Regenschauer und dann von den überaus gastfreundlichen Almatinern überrascht. Zuerst bot uns eine Familie selbstgezüchtetes Gemüse an und dann wollte ein anderer Kasache unbedingt eine grosse Wassermelone mit uns teilen. Sie war herrlich süss und der nette Herr erzählte uns viel über seine Arbeit als Schmied und Set-Dekorateur im Hollywood Kasachstans.

Ankunft aller Teams

Um unsere Kräfte für die kommende Woche aufzusparen und uns vor der kasachischen Hitze zu verstecken, haben wir den Sonntag hauptsächlich im Hotel verbracht. Wir besprachen viele alte Aufgaben von vergangenen IOIs und begrüssten die über 80 weiteren Teams, welche an diesem Tag alle auch in Almaty eintraffen. Auch Timon Gehr, unser zweiter Leader, hat den Weg aus dem Kanton Appenzell Ausserrhoden nach Kasachstan gefunden und stiess zu uns.

Die offizielle IOI-Woche begann, wie stets, mit dem Probelauf. Das ist ein zweistündiger Test-Wettbewerb bei welchem die Teilnehmer das Wettbewerbssystem auf Herz und Nieren testen können. Am Nachmittag fand dann die Eröffnungsfeier statt, voller Kasachischer Musik und Tanzeinlagen. Die Schweizer Schoggi, welche wir bei unserer Team-Vorstellung ins Publikum warfen, fand guten Anklang und die Olympiade wurde offiziell eröffnet.

Anschliessend an die Eröffnungsfeier wurden die Teilnehmer unter Quarantäne gestellt. Ihr Hotel wurde vom Internet und Mobilfunknetz getrennt, sodass keinerlei Verbindungen zur Aussenwelt mehr bestanden. Gleichzeitig zogen sich die Leader in ihr Hotel zurück, um die Aufgaben für den ersten Tag zu lesen, zu diskutieren und zu übersetzen. Daniel und Timon schlossen sich hierfür mit den anderen deutschsprachigen Ländern, also Deutchland, Österreich und Luxemburg zusammen. Um zwei Uhr nachts lagen die Aufgaben dann gedruckt und in Couverts verpackt bereit für den Wettbewerb.

Der erste Contest

Am Dienstag galt es zum ersten Mal ernst. Beginnend um neun Uhr hatten die 322 Teilnehmer Zeit um während fünf Stunden an drei Aufgaben zu arbeiten. Hier ein kurzer Überblick worum es in den Aufgaben geht. Die offiziellen Aufgaben in allen Sprachen gibt es hier.

Aufgabe 1: Boxes - Souvenirboxen Alle Teams der IOI stehen an gegebenen Orten entlang eines Kreises und warten auf ihre Souvenirs. Ein Helfer hat ein Lager an Souvenirs an einem bestimmten Punkt auf dem Kreis und kann bis zu K Souvenirs gleichzeitig tragen. Nun will er die Teams möglichst schnell mit Souvenirs beliefern, muss aber halt ab und zu an seinen Startpunkt zurückkehren, um Souvenirnachschub zu holen. Was ist die beste Reihenfolge, um alle Teams zu versorgen?

Aufgabe 2: Scales - Waagen 6 Münzen in unbekannter Reihenfolge und mit unterschiedlichem Gewicht sollen in möglichst wenig Wägungen sortiert werden. Wir haben vier Waagen zur Auswahl: Eine, welche die leichteste von drei Münzen bestimmt, eine Waage zum Bestimmen der schwersten von drei Münzen und eine Waage für die mittlere Münze. Die vierte Waage nimmt vier Münzen und bestimmt die leichteste der ersten drei Münzen, welche schwerer ist als die vierte Münze. Falls keine der drei Münzen schwerer ist als die vierte, bestimmt die Waage einfach die leichteste Münze.

Aufgbe 3: Teams Ein Lehrer weiss von jedem seiner Schüler in welchen Gruppengrössen er gerne arbeitet, z.B.: Der siebte Schüler arbeitet gerne in Gruppen der Grösse 2 bis 4. Nun hat der Lehrer für jeden Tag Projekte vorbereitet, welche bestimmte Gruppengrössen benötigen. Kannst du Tag für Tag bestimmen, ob es möglich ist, die Schüler so auf die Gruppen aufzuteilen, dass den Anforderungen aller Schüler entsprochen wird?

Die Aufgabe mit den Boxen gefiel mir persönlich am besten. Und auch Daniel Rutschmann passte sie sehr gut. Er hat es geschafft diese Aufgabe komplett zu lössen und somit 100 Punkte zu erzielen. Die Schlüsselidee ist zu sehen, dass man die Teams aufteilen kann in Teams welche der Helfer im Uhrzeigersinn anläuft und Teams welche der Helfer im Gegenuhrzeigersinn anläuft. Nun waren noch einige Schritte nötig, um alle möglichen solchen Aufteilungen auszuprobieren und für jede Aufteilung effizient zu bestimmen, wie lange der Helfer dafür braucht. Mit jedem dieser Schritte konnte man eine Teilaufgabe mehr lösen und Daniel hat es geschafft, Schritt für Schritt seine Lösung um je eine weitere Idee zu erweitern und somit die volle Punktzahl zu erzielen.

Für die Aufgabe mit den vier Waagen gibt es viele gute Ideen auf die man durch Ausprobieren von Hand kommen konnte. Fabians 45 und Daniels 71 Punkte sind so zu Stande gekommen. Für 100 Punkte war es aber nötig, den Computer alle möglichen Abwägungsreihenfolgen ausprobieren zu lassen und so die optimale Wägungssequenz zu finden.

Das Schweizer Team startete eher langsam, aber am Ende des Tages konnten alle vier Teilnehmer bei allen drei Aufgaben Punkte sammeln. Daniel schaffte es gar auf den 27. Platz und lag somit sogar in den Gold-Rängen. Auch für Fabian lief es gut und er konnte sich in den Bronze-Rängen platzieren. Timon und Pascal lagen knapp dahinter in einer soliden Ausgangslage für den zweiten Tag.

Ausflug Medeu, Schimbulak und Zirkus

Zwischen den beiden Wettbewerben steht traditionell der erste Ausflugstag auf dem Programm. Zur Erholung versprachen uns die Organisatoren beste Bergluft. Im Tal der kleinen Almatinka, dessen Anfang wir bereits von unserer Wanderung kannten, fuhren wir ganz nach hinten zum Eisstadion Medeu. In Sowjetzeiten wurden hier regelmässig Eisschnelllauf-Weltrekorde aufgestellt. Im Sommer wird das Stadion jetzt zum Rollschuh-Fahren und Basketball-Spielen benutzt. Für die kommende Universiade in 2017 und auch für die (leider vergeblich) erhofften olympischen Winterspiele 2022 ist das Stadion aber nach wie vor im Einsatz.

Bei den Almatinern ebenfalls beliebt ist das Skigebiet Schimbulak. In gut 40 Minuten beförderte uns eine Doppelmayr-Luftseilbahn auf 3200 Meter Höhe. Die luftige Fahrt führte zuerst über einen gewaltigen Staudamm, der nicht etwa Wasser sammelt, sondern die Stadt vor Erdrutschen schützt. Zuoberst gab es dann gar einen Gletscher und einen Bernhardiner-Hund zu bestaunen. Und der Blick reichte bis an die Grenze zu Kirgisistan.

Zurück in der Stadt besuchten wir den Kasachischen Nationalzirkus. Uns wurde ein unterhaltsames Programm aus Artistik, Tiernummern und Clown-Humor geboten. Gleich im Anschluss verabschiedeten sich die Teilnehmer wieder in die Quarantäne und wir Leiter übersetzten den zweiten Satz an Aufgaben.

Der zweite Contest

Die zweite Hälfte des insgesamt zehnstündigen Wettbewerbes stand am Donnerstag auf dem Programm. Hier ein Überblick über die drei Aufgaben, die es zu lösen galt. Die übersetzten Originalversionen gibt es wiederum hier.

Aufgabe 4: Horses - Pferde Der Kasache Mansur erzählt dir, wie es früher war Pferde in Kasachstan zu züchten. Für n Jahre sagt er dir, um welchen Faktor eine Pferdeherde pro Jahr gewachsen ist und wie viel ein Pferd in jedem Jahr Wert war. Du sollst nun bestimmen, wie Mansur seine Pferde am besten gezüchtet und verkauft hätte, um den Verkaufsbetrag zu maximieren. Hinzu kommt: Aizhans Erinnerungen ändern sich ständig, das heisst die Wachstumsfaktoren und Verkaufspreise werden im Laufe der Aufgabe verändert. Nach jeder Änderung sollst du die beste Verkaufsstrategie von neuem bestimmen.

Aufgabe 5: Sorting - Sortieren Die zwei Freundinnen Ermek und Aizhan möchten N Elemente so rasch wie möglich sortieren, indem sie abwechslungsweise je zwei der Elemente vertauschen. Ermek hat ihre Vertauschungen bereits festgelegt, z.B. wird sie zuerst das 3. mit dem 7. Element vertauschen, dann das 10. mit dem 5. usw. Du sollst nun eine Vertauschsequenz für Aizhan finden, damit die N Elemente möglichst rasch sortiert sind.

Aufgabe 6: Towns - Dörfer Kasachstan ist ein Land aus Dörfern, Städten und Verbindungsstrassen dazwischen. Ein Dorf ist eine Siedlung, die nur an eine andere Siedlung angebunden ist. Alle anderen Siedlungen sind Städte und sind mit mindestens drei anderen Siedlungen verbunden. Alle Siedlungen sind so verbunden, dass es einen eindeutigen Weg zwischen jedem Paar von Siedlungen gibt. Nun können wir Distanzen zwischen Dörfern abfragen und wollen möglichst rasch bestimmen, welche Stadt die zentralste ist und ob von dieser zentralen Stadt aus mehr als die Hälfte der Dörfer über eine einzige Strasse erreicht werden müssen.

Die vier Schweizer Teilnehmer starteten leider etwas langsam in den Wettbewerb und konnten erst gegen Ende des Wettbewerbes punkten. Fabian Lyck konnte mit einer guten Leistung bei der Aufgabe Sorting seinen Bronzeplatz verteidigen. Daniel Rutschmann rutschte leider von seinem Goldplatz am ersten Tag immer weiter nach unten, konnte schliesslich aber immer noch einen der oberen Bronzeplätze ergattern. Seine Ideen für Horses und Sorting waren beide gut, aber die Implementierungen enthielten kleine Fehler, was vom automatischen Korrektursystem halt gnadenlos bestraft wird. Da Daniels Programme einige der Testgruppen aber korrekt lösten, gab es immerhin wertvolle Teilpunkte. Timon Stampfli und Pascal Sommer konnten mit ebenfalls soliden Leistungen ihre Platzierung vom ersten Tag in etwa wiederholen. Für einen Sprung in die Medaillenränge reichte es aber nicht.

Insgesamt holte das Schweizer Team somit zwei Bronzemedaillen, was ein äusserst erfreuliches Resultat ist. Zum ersten Mal seit 2009 gelang es den eidgenössischen Olympioniken damit, mehr als eine Medaille herauszuprogrammieren.

Ausflug Turgen Schlucht

Auf dem zweiten Ausflugstag am Freitag, blieb Zeit, um die kasachische Kultur ausserhalb Almatys kennenzulernen und sich etwas von den Strapazen des Wettbewerbes zu erholen. Die Fahrt führte in die Turgen-Schlucht, wo in einer Art kasachischem Ballenberg viele Jurten für uns aufgestellt waren. Wir wurden in das kasachische Ritual des Tusau Kesu eingeführt: Vor den ersten Schritten eines Kleinkindes, wird diesem eine Kordel um die Beine gebunden, welche dann vom Äquivalent eines Patenonkels durchgeschnitten wird. Die ersten Schritte werden dann tanzend und singend gefeiert.

In den Jurten drin war der Tisch reichlich gedeckt mit allem was das Nomadenherz begehrt. Es gab diverse Brote und Fleischaufschnitte zum Probieren. Insbesondere eine bestimmte Pferdewurst hat uns Bexultan empfohlen. Als Dessert gab es unbestimmbare, weisse, extrem salzige «Süssigkeiten» und kohlensäurehaltige Kamel-Buttermilch - typisch kasachisch?

Den Abend verbrachten wir dann gemeinsam mit dem deutschen Team in der Innenstadt. Im zentralen Park der 28 Panfilowzy besichtigten wir das ewige Feuer und die russisch-orthodoxe Kathedrale. Die Diskussionen der Teilnehmer drehten sich aber eher über Lojban und die Java VM. Beim Abendessen führte uns Pascal in ein neues Spiel ein: es ging um präfixfreie Stringerweiterungen - er hatte genau die richtige Zielgruppe gefunden.

Schlussfeier

Am Morgen des letzten IOI-Tages steht für die Leader jeweils die grosse ‘General Assembly’ auf dem Programm. Es gab auch dieses Jahr wieder viel zu diskutieren und abzustimmen, sodass wir uns danach direkt für die Medaillenfeier bereitmachten. Schliesslich fand sie dieses Jahr am ersten August statt, sodass ich zumindest einige zusätzliche Schweizer Fähnli mitgebracht hatte.

Die Feier fand erneut im Studentenpalast statt und wurde von viel kasachischer Popmusik begleitet. Leider fehlten ein bisschen die virtuosen Reden des ehemaligen IOI-Präsidenten Richard Forster. Teilweise wurden die kasachischen Reden gar nur auf Russisch übersetzt, was für die meisten Anwesenden nicht wirklich hilfreich war.

Die eigentliche Medaillenverleihung fand dann aber schon auf Englisch statt, sodass die 161 Medaillisten rechtzeitig den Weg auf die Bühne fanden. Darunter, wie oben erwähnt, erfreulicherweise auch zwei Schweizer: Daniel Rutschmann und Fabian Lyck, die je eine Bronzemedaille gewannen. Mitglieder des internationalen wissenschaftlichen Komitees übergaben die mit kasachischen Ornamenten verzierten Medaillen.

Beim anschliessenden Fotoshooting vor dem Auditorium wurden wir gar noch vom kasachischen Kinderchor, der während der Feier ‘We are the world’ zum Besten gab, zu einem Gruppenfoto aufgefordert. Auf dem Weg zurück ins Hotel gönnten wir uns ein russisches Glace und deckten uns noch mit Laimon Fresh ein, einem Schweizer Zitronen-Limetten-Minz-Getränk, das wir alle zuvor noch nie gesehen hatten. Im Hotel fand dann schliesslich das grosse Festessen statt und es war an der Zeit von allen neu gewonnenen Freunden und von Kasachstan Abschied zu nehmen.

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